Erziehung – Bildung

Schulische Erziehung und Bildung nach Maria Montessori

Ziele der Montessoripädagogik

Maria Montessori hat sich für eine ganzheitliche Förderung des Kindes eingesetzt, durch die die kindliche Persönlichkeit wachsen kann. Ihre Pädagogik strebt eine gesunde Entwicklung des Kindes an. Eine wichtige Grundlage stellt dabei die Einheit von Geist, Körper und Seele dar, die sich in ihrer Entwicklung wechselseitig beeinflussen. Einer der wohl bedeutendsten Aspekte der Montessori-Pädagogik ist das an individuelle Fähigkeiten und Interessen angepasste Lernen: „Die Schule muss so aufgebaut sein (…), dass jedes Individuum seine bestmögliche Vervollkommnung erreichen kann“ (Montessori 2002b, 122). Für die Pädagogin stellt die Förderung der Individualität eine Grundvoraussetzung der menschlichen Entwicklung dar. Im Zuge dessen betont sie insbesondere die Erziehung zur Selbstständigkeit. Dies kommt in dem bereits zitierten Leitsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“ zum Ausdruck. Neben der Förderung der Individualität nimmt die Förderung der Sozialität einen bedeutenden Stellenwert in der Montessori-Pädagogik ein. Dies wird durch den Einsatz indirekter und direkter Maßnahmen der sozialen Erziehung erreicht. Zu den direkten sozialerzieherischen Maßnahmen zählt insbesondere das Prinzip der Altersmischung, welches kooperatives Lernen anregt. Weiterhin ist die quantitative Begrenzung des Materials zu nennen, welche Schüler zu Geduld und Rücksichtnahme erziehen soll. Auch von der Unterrichtsform der Freiarbeit gehen wesentliche sozialintegrative und sozialerzieherische Aspekte aus. Zu den indirekten Maßnahmen zählt das Phänomen der „Polarisation der Aufmerksamkeit“: Durch die tiefe Konzentrationsphase stärken die Schüler zusätzlich zur Sach- und Selbstkompetenz ihre Sozialkompetenz.

Die „vorbereitet Umgebung“

Für eine Pädagogik, in deren Mittelpunkt das selbstbestimmte Lernen des Schülers steht, ist eine strukturierte und mit entsprechendem Material ausgestattete Umgebung unverzichtbar. Erst eine „Lernlandschaft“, die den besonderen Bedürfnissen der jeweiligen Schüler entspricht, lässt eine freie Entwicklung des Kindes und ein Zurücktreten der Lehrerin zu. Ein Orientierungsrahmen bei der Gestaltung der vorbereiteten Umgebung“ sind die jeweiligen Entwicklungsstufen und „sensiblen Phasen“ der Schüler. Zusätzlich werden beim Aufbau der „vorbereiteten Umgebung“ die inhaltlichen Aspekte der verschiedenen Fächer berücksichtigt. Um den eigenaktiven Selbstaufbau der Persönlichkeit zu ermöglichen, erfahren die Schüler im Rahmen dieser von der Lehrerein geschaffenen Strukturen freie Wahlmöglichkeiten. Wenn Entwicklung Selbstaufbau ist, müssen die Kinder einen großen Entscheidungsspielraum haben. Die Ausrichtung an den spezifischen Fähigkeiten und Bedürfnissen der Schüler ist dementsprechend ein entscheidendes Kriterium der „vorbereiteten Umgebung“. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die „vorbereitete Umgebung“ kein starres Gefüge, sondern ein flexibles Arrangement von Lernanregungen für die freie Tätigkeit der Schüler darstellt, welches je nach aktuellen Bedürfnissen der Schüler und kulturellen Entwicklungen verändert wird. Neben dem erläuterten Prinzip der optimalen Passung formuliert Montessori weitere Anforderungen an die „vorbereitete Umgebung“, die im Folgenden erläutert werden.

Aktivität und Aufforderungscharakter
Vor dem Hintergrund, dass bei der Ausbildung des Geistes nach Montessori der selbsttätige Umgang mit dem Lerninhalt von wesentlicher Bedeutung ist, muss die Umgebung das Kind durch vielfältige Dinge zum Handeln anregen. Dafür stehen strukturierte didaktische Materialien bereit.

Physiologische Anpassung
Die „vorbereitete Umgebung“ sollte neben den oben skizzierten psychischen auch die physiologischen Bedürfnisse der Schüler berücksichtigen. Das bedeutet u.a.: Mobiliar und Material sind auf die Größe der Kinder zugeschnitten, in den Räumen gibt es freie Flächen und „Lernecken“, das Material befindet sich in offenen Regalen und der Klassenraum ist ästhetisch gestaltet. In einer solchen Lernumgebung haben die Schüler die Möglichkeit, ihre Tätigkeiten selbst zu wählen und sich frei zu bewegen. Die „Lernecken“ ermöglichen Kleingruppenarbeit und können als Rückzugsmöglichkeit dienen.

Einfache Struktur
Durch eine mengenmäßige Begrenzung des Materials wird die besonders für jüngere Schüler wichtige Überschaubarkeit gewährleistet. Sie erleichtert die Orientierung in der vielltigen „Lernlandschaft“ und verhindert so eine Überforderung der Schüler.

Ordnung
Um ungestörtes Arbeiten zu ermöglichen, hat jedes Material seinen festen Platz im Klassenraum, an den es auch wieder zurückgebracht werden muss. Diese äußere Ordnung stellt laut Montessori eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der inneren Ordnung im Kind dar.

Die Freiarbeit

Die Freiarbeit ist die zentrale Unterrichtsform in der Montessori-Pädagogik. Aus der Erkenntnis, dass sich die kindliche Entwicklung nach für den Erzieher nicht immer erkennbaren individuellen Gesetzmäßigkeiten vollzieht, fordert Montessori die Schaffung eines Entwicklungsfreiraumes innerhalb einer strukturierten „vorbereiteten Umgebung“. Ihr Ziel bestand in der Konzeption schulischer Strukturen, die die „freie Entfaltung der kindlichen Aktivität ermöglichen“ (Montessori 2001, 12) in denen „die Entwicklung spontaner Äußerungen und individueller Lebhaftigkeit des Kindes gestattet sind“ (ebd. 23). In der Freiarbeit kann der Schüler aus einem differenzierten Lernangebot den Gegenstand seiner Tätigkeit, die Ziele, die Sozialform sowie die Zeit, die er auf den gewählten Aufgabenbereich verwenden will, im Rahmen der „vorbereiteten Umgebung“ selbst bestimmen. Das bedeutet, dass die Kinder auf unterschiedlichen Niveaus lernen. Während das eine Kind sich beispielsweise die ersten Buchstaben erarbeitet, schreibt das andere bereits Geschichten und liest Bücher. Freie Entwicklung unterstützt die Ausbildung einer Persönlichkeit, die sich durch Eigenständigkeit, Fähigkeit zur Selbstbestimmung, Ich- Stärke, Zuversicht und Selbstannahme auszeichnet. Montessori stellt auch die Auswirkungen auf das schulische Lernverhalten, das Entstehen von echtem Interesse und die Fähigkeit zu konzentrierter Arbeit heraus:„Durch die Atmosphäre der Ruhe und durch das Gefühl, dass kein anderer Wille es führen und unterdrücken will, durch die Freiheit, die man ihm lässt, erwacht im Kind wieder eine spontane Aktivität, und es fängt an, freudig und konzentriert zu arbeiten (…) der Geist, dem Konzentrationsmöglichkeit fehlte und der umherirrte, ordnet sich und beginnt eine wunderbare Entwicklung“ (Montessori 1985, 24). Ziel der Freiarbeit ist es, die Freude des Kindes an der Arbeit zu bewahren und ihm Wege zu eröffnen, wie es selbstständig lernen kann. Dazu gehört, dass es gelernt hat durchzuhalten und eine einmal begonnene Arbeit zu Ende zu führen. Ein Kind, das diese Fähigkeit erworben hat, wird sich später auch viele andere Wissensgebiete eigenständig erschließen können. Freiheit in der Montessori-Pädagogik meint nicht willkürliches Handeln der Schüler. „Freiheit bedeutet nicht, dass man tut, was man will, sondern Meister seiner selbst zu sein“ (Montessori 1985, 23). Es gibt Kinder, die die freie Eigenaktivität in der Schule erst lernen müssen. Die Lehrerin unterstützt diesen Lernprozess, indem sie die Kinder schrittweise an die Freiarbeit heranführt. Sie greift so lange lenkend in den Lernprozess ein, bis das Kind in der freien Arbeit zu wirklicher Konzentration gelangt. Auch nachdem ein Kind gelernt hat, die ihm gewährte Freiheit angemessen zu gestalten, macht es in der Montessori-Pädagogik nicht einfach, was es will. Das Kind muss sich an gemeinsam vereinbarte Regeln und Grenzen halten. Es ist an die Strukturen der „vorbereiteten Umgebung“, die Eigengesetzlichkeiten des Arbeitsgegenstandes und an die Lerngruppe gebunden.

Die Rolle der Lehrerin

In den bisherigen Ausführungen ist bereits deutlich geworden, dass Montessori- Lehrer eine besondere Einstellung gegenüber kindlicher Entwicklung und schulischem Lernen einnehmen. Sie sind nicht mehr alleinige Lenker und Führer des Lernprozesses, sondern Unterstützer und Gehilfen, welche die vom Kind zu leistende Aufbauarbeit seiner Persönlichkeit mit Verständnis begleiten: „Immer muss die Haltung des Lehrers die der Liebe bleiben. Dem Kind gehört der erste Platz, und der Lehrer folgt ihm und unterstützt es. (…) Er muss passiv werden, damit das Kind aktiv werden kann. Er muss dem Kind die Freiheit geben, sich äußern zu können; denn es gibt kein größeres Hindernis für die Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit als einen Erwachsenen, der mit seiner ganzen überlegenen Kraft gegen das Kind steht“ (Montessori 1985, 21). Die erste Aufgabe der Lehrerin besteht also darin, dem Kind gegenüber die richtige innere Einstellung einzunehmen. Dazu gehört unter anderem, Achtung und Würde vor der Person des Kindes sowie Vertrauen in seine Eigenaktivität und Entscheidungsfähigkeit zu haben. Im Folgenden werden weitere Aufgabenbereiche der Lehrer erläutert.

Vorbereitung und Pflege der Umgebung
Die Lehrerin ist dafür verantwortlich, dem Kind die richtige Umgebung zu bereiten. Sie muss das den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Schüler entsprechende Material bereitstellen und für eine geordnete und saubere „vorbereitete Umgebung“ sorgen.

Lektionen
Die Lehrerin hat die Aufgabe, den Schülern in so genannten „Lektionen“ den Umgang mit dem Material zu zeigen. Damit verfolgt sie das Ziel, dass ein Kind „seine Bildung allein fortzusetzen und aus eigenem Willen die Übungen zu wiederholen“ (Montessori 1992a, 62) vermag, so dass ihre Hilfe immer weniger gebraucht wird. Montessori sagt dazu: „Sie ist eine außerordentlich erfolgreiche Erzieherin, wenn sie sagen kann: ‘Die Kinder können alles allein tun, sie brauchen mich nicht.’ (…) ‚Ich habe diesen Lebenskräften Freiheit gegeben. Jetzt können sie vorangehen, sich entwickeln, während ich mich mehr und mehr zurückziehen kann’ “ Montessori 1992b, 105)

Das richtige Maß an Hilfe
Die wesentliche Haltung der Lehrerin ist die Zurückhaltung, da so die freie Entfaltung des Kindes ermöglicht wird. Montessori stellt heraus, dass die grundsätzliche Haltung der Lehrerin die des „Nichteingreifens“ sein sollte. Doch dieses „Nichteingreifen“ bezieht sich nur auf Kinder, die bereits in der Lage sind, konzentriert zu arbeiten. Jenen Kindern, denen das noch nicht gelingt, erfahren eine helfende Lenkung durch die Lehrerin. Sobald sie erkannt hat, welches Kind Hilfe benötigt, muss sie das richtige Maß herausfinden. Eine mögliche Hilfe besteht in der Einschränkung des Materials. Auch kann die Lehrerin den Schüler bei seiner Wahl der Tätigkeit unterstützen oder ein tägliches Pensum mit ihm vereinbaren. Die Bereitstellung von individuellem Material, das dem momentanen Interesse des Schülers entspricht, kann ihm helfen, zu konzentrierter Arbeit zu gelangen.

Das Montessori-Material

Handlungsorientiertes Lernen als Grundlage
Individualisierendes Lernen durch die freie Wahl der Tätigkeit kann nur gelingen, wenn entsprechendes Material vorhanden ist. Für Montessori stellt das selbstständig handelnde Lernen die Grundlage jeglicher Bildung dar. Ihrer Meinung zufolge kann sich der Geist nur durch aktive Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand bilden. Montessori stellt dabei heraus, dass das manuelle Tun nicht um seiner selbst willen geschieht, sondern in Wechselwirkung zur kognitiven Einsicht steht:„Die Hand ist jenes feine, komplizierte Organ, das es der Intelligenz gestattet, sich nicht bloß kundzugeben, sondern in ganz bestimmte Beziehungen zur Umwelt zu treten. Man kann sagen, der Mensch ‚ergreife’ mit seiner Hand Besitz von dieser Umwelt“ (Montessori 1996a, 89). Daher hat die Pädagogin für das Kinderhaus und die Grundschule Materialien entwickelt, in denen die kognitiven Lerninhalte auf ihren konkret fassbaren, be-greifbaren Gehalt zurückgeführt sind. Die Materialien dienen jedoch nur als Ausgangspunkt für die Bildung des Kindes. „Wenn eine bestimmte Reifegrenze erreicht ist, will es, abstrakt denken’ und will, abstrakt mit den Zahlen rechnen’ “ (Montessori 2002a, 84). So hilft das Material den Schülern zum besseren Verständnis kultureller Inhalte, ersetzt das Lernen in der Realität jedoch nicht. Montessori bezeichnet es daher als „Schlüssel zur Welt“, der „nicht mit der Welt selbst zu verwechseln“ ist (Montessori 1985, 14).

Materialangebot in der Grundschule
Zum festen Bestand heutiger Montessori-Grundschulen gehören die Mathematikmaterialien, die innerhalb des Entwicklungsmaterials die größte Vollständigkeit, Struktur und Systematik aufweisen. Sie umfassen die Bereiche Arithmetik und Geometrie. Im Fach Deutsch hat Montessori vor allem Materialien für den Bereich Erstlesen/Erstschreiben und Grammatik (Wortarten- und Satzanalyse) konzipiert. Materialien zur „kosmischen Erziehung“ hat die Pädagogin häufig nur beschrieben. Die Ausarbeitung und Gestaltung erfolgte vor allem von späteren Montessori-Lehrern. Aufgrund der teilweise lückenhaften Abdeckung der einzelnen Fächer und fachdidaktischer Weiterentwicklungen werden die originalen Montessori- Materialien auf der Grundlage von Montessoris Konzeption durch so genanntes „Zusatzmaterial“ ergänzt, vor allem bezogen auf wenig berücksichtigte fachliche Disziplinen und Teilbereiche (z.B. Sachrechnen und Rechtschreiben).

Kriterien der Materialien
MontessoriMaterialien zeichnen sich durch bestimmte Qualitätsmerkmale aus: Neben der ästhetischen Gestaltung fordern sie zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand heraus und regen ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen an. Besonders das Sinnesmaterial für das Vorschulalter isoliert eine Schwierigkeit, damit diese gezielt erlernt werden kann. Darüber hinaus ermöglicht die eigene Kontrolle bei vielen Materialien den Schülern selbst Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen und zu einer realistischen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten zu gelangen. Die Selbstkontrolle entlastet nicht nur die Lehrerin, sondern erzieht zu Ehrlichkeit und Kritikfähigkeit der eigenen Arbeit gegenüber und gibt dem Kind Selbstvertrauen und Lernanreize. Darüber hinaus soll das Material den Kindern ermöglichen, Inhalte und Strukturen selbst forschend zu entdecken: „Das Gut dieser Kultur dem Kind durch das Wort zu übermitteln, ist bedeutungslos; wesentlich, dass es dieses Kulturgut erlebt. (…) Das Interesse des Kindes hängt allein von der Möglichkeit ab, eigene Entdeckungen zu machen. Dazu geben wir dann ein intellektuelles Material, das die Darstellung der abstrakten Geistesarbeit des Menschen ist. Mit ihm kann das Kind gemäß seiner Natur arbeiten, es kann seinen Forschungstrieb befriedigen und Kenntnisse erwerben“ (Montessori 1985, 16). Entdeckendes Lernen kann durch die Materialien in den unterschiedlichen Fächern ermöglicht werden. Im Bereich Erstlesen und Erstschreiben kann sich das Kind beispielsweise die Schreibrichtung der Buchstaben durch die Sandpapierbuchstaben aneignen, das goldene Perlenmaterial ermöglicht die Erforschung des Dezimalsystems.

Jahrgangsmischung

In der Montessori-Pädagogik ist die Zusammenfassung mehrerer Jahrgänge in einer Klasse ein grundlegendes Prinzip, das auch in der Montessori-Schule Dörenhagen umgesetzt wird. Nach Maria Montessori wirkt sich die durch die Jahrgangsmischung ergebende Vielfalt in der Lerngruppe positiv auf die kognitive und soziale Entwicklung der Schüler aus. Insbesondere sprechen folgende Gründe für eine Jahrgangsmischung:

Individuelle Lernfortschritte ermöglichen
Die Kinder arbeiten in einer vorbereiteten Umgebung mit Freiarbeitsmaterialien, so dass eine Differenzierung nach Lernvermögen, Lernfähigkeit, Motivationslage und Rhythmus möglich ist. Durch diese gewollte Individualisierung stellen sich in der jahrgangsgemischten Gruppe Unterschiede heraus, die Lernanregungen bieten und Kreativität, Lernmotivation und die Achtung vor dem Können des Anderen fördern. Besonders begabte Kinder werden in ihrem Wissensdrang nicht gebremst, sondern erhalten durch ältere Kinder und die im Klassenraum vorhandenen Materialien weitere Anregungen. Lernverzögerte Kinder können entsprechend ihrem Lerntempo fortschreiten und bei Bedarf ein Jahr länger die Grundschule besuchen. Sie bleiben dabei in ihrer Klasse und tragen daher nicht die Nachteile des „Sitzenbleibens“. Die Jahrgangsmischung schließt nicht aus, dass sich sowohl alters- als auch leistungshomogene Arbeitsgruppen bilden.

Soziales Lernen fördern
Individualisierung ist nur dann zu rechtfertigen, wenn jedes einzelne Kind auch das andere als Individuum mit eigenen Wünschen und Interessen achten lernt. Insofern ist Individualisierung nicht ohne Bezug zum Sozialen zu realisieren. In der jahrgangsgemischten Klasse entsteht ein natürliches Helfersystem, das bei den Kindern gegenseitige Achtung und Interesse entstehen lässt. Jeder Schüler kommt im Laufe seiner Schulzeit in die Rolle des Helfenden und Hilfesuchenden. Kinder können gut voneinander lernen, da ihre Denkweisen sich oft näher sind als die zwischen Lehrerin und Schüler. Zudem ergibt sich auch für das erklärende Kind ein Lernzuwachs, denn auf diese Weise muss es sein Wissen nochmals genau durchdenken, strukturieren und sich sprachlich präzise ausdrücken. Auch die Jüngeren werden in ihrem Bestreben, den Älteren nachzueifern bestärkt und motiviert. Die Jahrgangsmischung ist somit eine pädagogische Antwort auf die zunehmende Vereinzelung der Kinder in der heutigen Gesellschaft.